Russisches Gas für Deutschland? Wagenknechts Vorstoß entfacht neue Debatte über Nord Stream und Energiepreise

Russisches Gas für Deutschland? Wagenknechts Vorstoß entfacht neue Debatte über Nord Stream und Energiepreise

Die Frage, ob Deutschland künftig wieder russisches Gas beziehen sollte, sorgt erneut für eine intensive politische Debatte. Steigende Energiepreise, Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und die weiterhin angespannte geopolitische Lage haben das Thema zurück auf die politische Tagesordnung gebracht.

Besonders Sahra Wagenknecht, Gründerin des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW), wirbt für eine grundlegende Veränderung der deutschen Russland- und Energiepolitik. Sie argumentiert, dass günstigere Energie für Haushalte und Unternehmen eine zentrale Voraussetzung für eine wirtschaftliche Erholung Deutschlands sei.

Gleichzeitig gibt es erheblichen Widerstand. Kritiker warnen vor einer erneuten Abhängigkeit von Russland und verweisen auf den Krieg gegen die Ukraine sowie die Erfahrungen aus der europäischen Energiekrise.

Damit steht Deutschland erneut vor einer grundsätzlichen Frage: Wie können bezahlbare Energie, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und außenpolitische Sicherheit miteinander verbunden werden? 

Wagenknecht fordert eine Rückkehr zu russischem Gas

Die Diskussion hat im September 2026 zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten. Wagenknecht kündigte nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an, dass das BSW politische Initiativen für eine veränderte Russland- und Energiepolitik nutzen wolle. Dabei gehören ein Ende beziehungsweise eine Lockerung der Sanktionen und eine Wiederaufnahme russischer Energielieferungen zu den Forderungen, die von Wagenknecht und dem BSW vertreten werden. Reuters berichtete nach der Wahl, dass das BSW Möglichkeiten für politische Mehrheiten unter anderem bei der Russland- und Energiepolitik nutzen wolle.

Auch in einer aktuellen ARD-Debatte stellte Wagenknecht einen Zusammenhang zwischen hohen Energiepreisen, der Belastung privater Haushalte und den Schwierigkeiten der deutschen Industrie her. Bundesumweltminister Carsten Schneider widersprach und warnte vor einer erneuten Abhängigkeit von Russland.

Die Kontroverse geht damit weit über die Frage eines einzelnen Gasvertrages hinaus. Es geht um die grundsätzliche strategische Ausrichtung Deutschlands.

BSW und AfD: Überschneidungen bei der Russlandpolitik

Besonders kontrovers ist, dass es bei diesem Thema Überschneidungen zwischen dem BSW und der AfD gibt.

Beide Parteien haben sich für eine stärkere Annäherung an Russland und gegen Teile der bisherigen Sanktionspolitik ausgesprochen. Reuters stellte nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fest, dass BSW und AfD trotz großer politischer Unterschiede bei Themen wie Russland, Ukraine und Energiepolitik teilweise ähnliche Positionen vertreten.

Die AfD hat ihre Forderungen auch im Bundestag konkretisiert. Im Mai 2026 beantragte die Fraktion, das stillgelegte Gaskraftwerk in Lubmin zu erhalten und in die deutsche Energieinfrastruktur zu integrieren. Nach Angaben des Bundestages begründete die AfD dies ausdrücklich damit, dass Deutschland ihrer Ansicht nach künftig wieder Erdgas aus Russland beziehen sollte.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass BSW und AfD eine gemeinsame politische Vereinbarung oder Koalition über russische Gaslieferungen geschlossen haben. Es handelt sich zunächst um politische Überschneidungen bei bestimmten Forderungen.

Warum russisches Gas für die deutsche Wirtschaft wieder zum Thema wird

Der wichtigste wirtschaftliche Hintergrund der Debatte sind die Energiepreise.

Deutschland war über Jahrzehnte stark auf Pipelinegas aus Russland ausgerichtet. Insbesondere die deutsche Industrie profitierte von einer Infrastruktur, die große Mengen Erdgas nach Mitteleuropa transportieren konnte.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 veränderte Deutschland seine Energieversorgung grundlegend. Die direkten russischen Pipeline-Lieferungen gingen zurück beziehungsweise wurden eingestellt, während Deutschland seine Bezugsquellen stärker diversifizierte.

Heute stammt ein bedeutender Teil der Versorgung aus anderen europäischen Ländern sowie über LNG-Strukturen.

Die Bundesnetzagentur bewertet die deutsche Gasversorgung aktuell als stabil. Sie weist allerdings weiterhin darauf hin, dass das Preisniveau für Haushalte erhöht ist.

Genau hier setzt die Argumentation der Befürworter einer Rückkehr zu russischem Gas an.

Sie vertreten die Auffassung, dass günstigere Energie die Produktionskosten deutscher Unternehmen senken könnte. Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Metall, Glas, Papier oder Düngemittelproduktion reagieren empfindlich auf dauerhaft hohe Gas- und Strompreise.

Würde russisches Gas automatisch niedrigere Preise bedeuten?

Diese Frage ist komplizierter, als es in der politischen Debatte häufig erscheint.

Ein erneuter Bezug russischen Erdgases würde nicht automatisch garantieren, dass Haushalte und Unternehmen wieder die Preise aus der Zeit vor 2022 zahlen würden.

Der europäische Gasmarkt hat sich inzwischen grundlegend verändert. Preise werden von weltweiter LNG-Nachfrage, Speicherständen, Transportkapazitäten, geopolitischen Konflikten und Erwartungen an den internationalen Energiemärkten beeinflusst.

Aktuelle europäische Daten zeigen zudem, dass niedrige Speicherstände und geopolitische Risiken erneut erheblichen Druck auf die Gaspreise ausüben können. Reuters berichtete Mitte September 2026 über deutlich niedrigere europäische Speicherstände als im saisonalen Durchschnitt sowie über gestiegene Gaspreise.

Die Frage lautet daher nicht nur, woher das Gas kommt, sondern auch, zu welchen Vertragsbedingungen, in welchen Mengen und zu welchem Marktpreis es verfügbar wäre.

Kritiker warnen vor einer neuen Abhängigkeit von Moskau

Gegner einer Rückkehr zu russischem Gas betrachten die Diskussion vor allem unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten.

Ihre zentrale Sorge: Deutschland könnte sich erneut von einem einzelnen Lieferstaat abhängig machen und damit seine politische Handlungsfreiheit einschränken.

Gerade die Erfahrungen aus den Jahren 2021 und 2022 spielen in dieser Argumentation eine wichtige Rolle. Damals wurde deutlich, welche wirtschaftlichen Risiken entstehen können, wenn geopolitische Konflikte eine stark konzentrierte Energieversorgung treffen.

Die Bundesregierung und andere Befürworter der Diversifizierung argumentieren deshalb, dass unterschiedliche Lieferländer, LNG-Terminals, europäische Pipelines, Speicher und erneuerbare Energien die Versorgung widerstandsfähiger machen sollen.

In der aktuellen politischen Debatte treffen damit zwei unterschiedliche Vorstellungen von Energiesicherheit aufeinander:

Die eine Seite betrachtet niedrige und stabile Preise als entscheidenden Bestandteil der Versorgungssicherheit. Die andere Seite stellt die Verringerung geopolitischer Abhängigkeiten stärker in den Mittelpunkt.

EU-Recht erschwert eine Rückkehr zu russischem Gas

Neben politischen und wirtschaftlichen Fragen gibt es inzwischen auch eine bedeutende rechtliche Hürde.

Die Europäische Union hat Anfang 2026 die Verordnung (EU) 2026/261 beschlossen. Sie sieht einen schrittweisen Ausstieg aus russischen Erdgasimporten vor.

Nach der Verordnung werden Importe von russischem Pipelinegas und LNG schrittweise verboten. Für bestimmte bereits bestehende langfristige Pipeline-Verträge gelten Übergangsfristen bis zum 30. September 2027; unter bestimmten Bedingungen kann sich diese Frist für einzelne Mitgliedstaaten bis zum 1. November 2027 verschieben.

Eine einfache politische Entscheidung Deutschlands, kurzfristig wieder große Mengen russischen Gases zu kaufen, wäre deshalb nicht nur eine innenpolitische Frage. Sie müsste auch mit europäischem Recht und den gemeinsamen energiepolitischen Entscheidungen der EU vereinbar sein.

Welche Rolle spielt Nord Stream?

In der Debatte fällt immer wieder der Name Nord Stream.

Die Pipeline-Verbindungen durch die Ostsee waren über Jahre ein zentrales Element der deutsch-russischen Energiebeziehungen. Nach den Explosionen im September 2022 wurden Teile der Infrastruktur schwer beschädigt.

Politiker von BSW und AfD bringen eine mögliche Wiederaufnahme russischer Pipeline-Lieferungen dennoch wiederholt ins Gespräch.

Die AfD argumentierte beispielsweise in ihrem Bundestagsantrag zum Kraftwerk Lubmin, dass bestehende Infrastruktur erhalten werden müsse, um eine spätere Nutzung russischer Gaslieferungen nicht zusätzlich zu erschweren.

Ob und unter welchen technischen, politischen und rechtlichen Bedingungen Nord Stream tatsächlich wieder genutzt werden könnte, ist jedoch eine völlig andere Frage als die grundsätzliche politische Forderung danach.

Energiepolitik wird zunehmend auch zur Wirtschaftsfrage

Die Diskussion um russisches Gas zeigt, wie eng Energie-, Wirtschafts-, Sicherheits- und Außenpolitik miteinander verbunden sind.

Für Unternehmen stellt sich vor allem die Frage, ob Deutschland langfristig genügend Energie zu international wettbewerbsfähigen Preisen anbieten kann.

Für Verbraucher stehen Heizkosten, Strompreise und allgemeine Lebenshaltungskosten im Vordergrund.

Für die Bundesregierung und ihre europäischen Partner spielt dagegen zusätzlich die Frage eine Rolle, wie Energieversorgung organisiert werden kann, ohne neue strategische Abhängigkeiten zu schaffen.

Deshalb lässt sich die Debatte kaum auf die einfache Formel „billiges Gas gegen teures Gas“ reduzieren.

Eine Debatte ohne einfache Antwort

Die Forderung nach einer Rückkehr zu russischem Gas trifft einen empfindlichen Punkt der deutschen Politik.

Befürworter sehen darin eine mögliche Möglichkeit, Energiekosten zu senken und die deutsche Wirtschaft zu entlasten. Wagenknecht und Teile der AfD verbinden diese Forderung zusätzlich mit einer grundlegenden Kritik an der bisherigen Russland- und Sanktionspolitik.

Kritiker halten dagegen, dass niedrigere kurzfristige Kosten mit erheblichen langfristigen politischen und sicherheitspolitischen Risiken verbunden sein könnten. Zudem hat die EU mit ihrem schrittweisen Importverbot bereits einen rechtlichen Rahmen geschaffen, der eine Rückkehr zur früheren Energiebeziehung mit Russland erheblich erschwert.

Damit bleibt die zentrale Frage bestehen:

Soll Deutschland angesichts hoher Energiepreise versuchen, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland im Energiebereich wieder aufzubauen – oder ist eine dauerhaft diversifizierte Versorgung trotz möglicherweise höherer Kosten der sicherere Weg?

Diese Auseinandersetzung dürfte die deutsche Energie- und Wirtschaftspolitik auch in den kommenden Monaten weiter beschäftigen.

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